80 km du Mont-Blanc Lac d'Emosson

80 km du Mont Blanc 2017 – auf die harte Tour

Am 23. Juni 2017 war es soweit: meine Revanche am Mont-Blanc stand an, nachdem ich 2015 hitzebedingt abbrechen musste. Eine offene Rechnung sozusagen – auch wenn ich diesen Begriff mittlerweile nicht mehr sonderlich mag. Bei der Anmeldung zu dem Lauf im Oktober 2016 war aber GENAU DAS meine Motivation – und das, obwohl ich nach dem Ultra Trail du Haut Koenigsbourg beschlossen hatte, keine so langen harten Sachen mehr laufen zu wollen. Gleich nach der Anmeldung hoffte ich dann auch, nicht ausgelost zu werden und dann stattdessen auf der Marathondistanz mein Glück zu versuchen. Aber wie es so kommt: das Losglück war mir hold und ich durfte mich über einen Startplatz freuen. Also denn los! Auch Robert hatte Losglück: er ergatterte einen Startplatz für den Marathon du Mont-Blanc, der nach dem missglückten Versuch an der Zugspitze sein Marathon-Debüt werden sollte. Ein schöneres Marathon-Debüt kann man sich auch kaum vorstellen!

Das Training lief super, auch wenn es nicht immer einfach ist, ein Ultralauftraining mit Business, Studium und Yogalehrerausbildung in Einklang zu bringen… Am Berg wurde ich für meine Verhältnisse immer besser, was mir meine Vorbereitungsläufe bei den Vosgirunners, beim Trail des Marcaires oder beim Trail du Taennchel eindeutig zeigten. Und auch das Essen hatte ich geübt – ein weiterer Knackpunkt bei vielen langen Läufen, wie z.B. beim ZUT letztes Jahr. Die Form war super, keine Verletzungen oder Wehwehchen im Vorfeld, also was sollte noch schiefgehen? OK, Hitze war immer noch so ein Thema, und auch wenn sie mir weniger Probleme machte (beim Frauenlauf in Saarbrücken schaffte ich es bei 34 °C sogar auf Platz 3 ;-)) – als wirklich hitzeresistent würde ich mich immer noch nicht bezeichnen. Und gerade war wieder so eine üble Hitzewelle im Gange: über 30°C in Chamonix auf 1000 m, auf 2000 m immer noch 25-26°C…

80 km du Mont-Blanc Profil

Zum Glück führte die Strecke ja oft genug durch den Wald, und auch der steile ausgesetzte Anstieg zum Col de la Terrasse hoch war durch einen Downhill mit anschließender Passage über den Col du Passet (der zugegebenermaßen schon auf dem Streckenplan übel aussah) ersetzt. Zumindest keine Probleme mit der Höhenluft an der Stelle, da wir uns ja unterhalb 2000 m bewegten. Außerdem hatte ich vor, den ersten Teil der Strecke zügiger anzugehen, um nicht erst in der prallen Nachmittagssonne am Emosson zu sein.

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Gänsehautfeeling in Chamonix (4:00)

Um 4:00 morgens ging es wie immer los in Chamonix mitten auf dem Place du Triangle de l’Amitié, ein Wahnsinns-Gänsehaut-Feeling! Leider war ich etwas spät dran und erst 15 Minuten vor Start da – so musste ich mich also weit hinten einordnen. Was eigentlich nicht so tragisch ist – schließlich lande ich bei solchen Läufen eh nie auf den vorderen Plätzen.

Nach einer kurzen relativ flachen Runde zum Einlaufen durch die Straßen von Chamonix – unter tosendem Applaus der Zuschauer – ging es dann in den Wald, auf den Trail Richtung Brévent – und da ärgerte ich mich dann, dass ich so spät am Start gewesen war: STAU! Rien ne va plus – nichts geht mehr… Keine Chance weiterzukommen! 3 Minuten stehen, kurz mal ein Stück gehen – so zog sich das ewig hin. Bestimmt 20 Minuten lang ging das so, bis es endlich im Gänsemarsch die Serpentinen hochging. An ein zügiges Vorankommen war nicht zu denken: es gab keine Chance, zu überholen.

Der Anblick des Mont-Blanc in der Morgendämmerung entschädigte aber für alles – und irgendwann gab es sogar die Möglichkeit, an den steilen Seitenwegen  zu überholen: zwar anstrengender, aber immerhin ging es nun etwas zügiger vorwärts.

 

Im Gänsemarsch zum Brévent (6:51)

Trotz allem erreichte ich den Brévent, diesmal auch der höchste Punkt der Strecke, 7 Minuten später als beim letzten Mal. Naja, das ließ sich sicher noch rauslaufen! Immerhin war der erste schwere Teil geschafft, fast 1500 Höhenmeter auf 10 km! Ab jetzt ging es erstmal nur runter über die schwarze Skipiste Richtung erste VP auf Planpraz, gleichzeitig auch das Ziel der Cross- und Marathonläufer. Ein Reporter mit Videokamera interviewte mich noch zum Lauf, keine Ahnung, ob und wo das Interview zu sehen ist… 😉

Flégère – pas très roulant (8:06)

Nun ging es weiter Richtung Flégère, und was auf dem Streckenplan so harmlos wie leichtes Wellblechprofil aussieht, ist es in Wirklichkeit gar nicht. Die Strecke ist ziemlich ruppig und auch technisch mit Steinen, Wurzeln und Treppen. Immerhin ging es für uns hier mehr bergab – anders als für die Marathonläufer, die diesen Teil auf ihren letzten km in umgekehrter Richtung zurücklegen sollten. 40 Minuten vorm Cut-Off war ich hier: also noch etwas Luft bis dahin!

Tête aux Vents – endlich aufholen (08:59)

Der Anstieg zum Tête aux Vents war zwar nicht so extrem, dennoch ruppig, aber recht gut laufbar. Und vor allem die Landschaft wunderschön! Einigen Läufern ging es hier aber mittlerweile nicht mehr so gut, und das, obwohl die Sonne noch gar nicht richtig raus war. Gleich 2 hintereinander sah ich, wie sie sich in die Büsche schlugen, um sich zu übergeben… (Kein angenehmer Anblick, vor allem, wenn man sich bei Läufen eh schon dazu zwingen muss, regelmäßig zu essen…) Vielleicht gehörten sie ja auch dann zu den 5, die hier ausgestiegen waren…

Immerhin folgte jetzt ein erster längerer Downhill, auf dem ich es gerne rollen lassen wollte. Doch leider war hier immer noch sehr viel Betrieb, so dass ich kaum überholen konnte. Nach der Hälfte des Abstiegs gelang es mir dann aber doch und ich konnte bis ins Tal, zum Col des Montets wieder etwas Zeit rauslaufen. Und ich war hier laut Strava fast 9 Minuten schneller als noch vor 2 Jahren!

Von Le Buet nach Loriaz (10:05)

In Le Buet herrschte eine Wahnsinnsstimmung. Viele Zuschauer waren dort, um die Läufer anzufeuern. Eine kurze Erfrischungspause, und dann gleich weiter in den Anstieg nach Loriaz! Fast eine Stunde Zeit hatte ich nun zum Zeitlimit, also alles bestens!

Allerdings schien es dort nicht jedem so gut zu gehen, denn wie ich im Nachhinein erfuhr, passierte der größte Teil der Laufabbrüche neben Châtelard-Village hier in Le Buet.

Auch im Anstieg nach Loriaz war ich einige Minuten schneller als bei meinem letzten Versuch, und ich fühlte mich auch viel besser! Meine Pause oben war wesentlich kürzer, nur kurz an dem kleinen Brunnen erfrischen und dann gleich wieder weiter!

Diesmal musste ich auch nicht gleich wieder weiter nach oben, sondern ich freute mich auf den Downhill nach Le Molard – und das war ein Downhill ganz nach meinem Geschmack, auf dem ich es richtig rollen lassen konnte!

Le Molard – die Luft wird dünner (12 :37)

Ein wenig Zeit schien ich aber trotzdem verloren zu haben (oder vielleicht wurden die Cut-Offs einfach auch immer enger) und so traf ich mit 23 Minuten Vorsprung vorm Cut-Off in Le Molard ein. Mittlerweile war es schon recht heiß geworden, was sich gerade bei der Lauferei auf Asphalt bemerkbar machte. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass sich viele Läufer um den Dorfbrunnen scharten, um für etwas Abkühlung zu sorgen. Ich sah zu, dass ich meine Pause nicht zu lange werden ließ, um mich gleich auf den Weg in Richtung Lac d’Emosson über den Col du Passet zu machen.

80 km du Mont-Blanc Le Molard
der Dorfbrunnen von Le Molard: heiß begehrt

Col du Passet – aller Anstieg ist schwer

Diesen Anstieg kannte ich bisher noch nicht. Beim letzten Mal ging es ja direkt von Loriaz aus hoch zum Col de la Terrasse, und ich freute mich, dass wir diesmal nicht so lange am Stück hochmussten. Außerdem erschien es mir (zumindest auf dem Plan) leichter, denn hier würde es keine Probleme mit der Höhenluft geben und das Terrain war sicher auch einfacher, da es ja nicht in hochalpines Gelände ging.

Aber weit gefehlt. Schon der erste Anstieg im Wald war extrem steil und die folgenden Trails wurden immer technischer und steiler. Immer mehr Läufer bauten immer längere Pausen in den Anstieg ein, ließen sich auf Felsen, unter Bäumen und vorzugsweise an Wasserstellen nieder. Obwohl ich wusste, dass Pausieren am Berg tödlich ist für das Fortkommen, musste ich doch das ein oder andere Mal innehalten, weil mir die Hitze in Verbindung mit der Steilheit immer mehr zu schaffen machte.

Die Staumauer des Lac d’Emosson war von weitem beim Anstieg zu sehen, und es kam einem so vor, als würde sie sich immer weiter entfernen statt zu nähern, quasi als wollte sie uns verhöhnen…

80 km du Mont-Blanc Col du Passet Emosson
immer im Blick: die Staumauer des Lac d’Emosson

Mein Ziel, um 13:30 am Emosson zu sein, war natürlich nicht mehr realistisch, und selbst die 14-Uhr-Marke war bald geknackt. Doch irgendwann hieß es oben kurz vorm Col „Achtung Foto“ und gleich 2 Fotografen in Folge rangen uns ein – zugegebenermaßen etwas müdes – Lächeln ab.

Lac d’Emosson – die Zeit wird knapp (14:45)

Oben angekommen, führte eine kleine Treppe zur Straße auf der Staumauer des Sees, wo Robert mich bereits erwartete. Ich war froh, ihn endlich zu sehen. Er war bereits seit 11:00 oben am See, wo er viele Läufer ankommen – und auch aufgeben – sah. Aufgeben war aber für mich hier keine Option. Für mich hieß es hier kurz verschnaufen – aber nur kurz! – und dann zügig weiter, denn zum Cut-Off in Châtelard um 16:00 blieb wenig Zeit. Beim Downhill würde ich nur wenig Zeit gutmachen können, denn er war – gerade am Anfang – extrem steil und technisch (850 negative Höhenmeter auf 3,5 km sagen wohl alles).

Immerhin ein wenig Zeit blieb mir, um etwas zu essen, meine Wasservorräte aufzufüllen und kurz zu verschnaufen. Dank Roberts Betreuung klappte das auch super, einzig und allein die Rucksackkontrolle kurz vorm Abstieg hielt ein wenig auf. Doof, wenn man eh knapp dran ist – in Châtelard wäre besser gewesen. Aber da musste ich jetzt durch.

Châtelard-Village – auf den letzten Drücker (15:56)

Der erste Teil des Downhills lief auch erwartungsgemäß nicht ganz so schnell, denn das Herunterhangeln an Ketten und Seilen ist nicht so ganz mein Ding. Trotz allem schaffte ich den Abstieg laut Strava mit einer persönlichen Bestzeit – 16 Minuten schneller als 2015.

Zum Glück, denn die Zeit war wirklich schon extrem knapp und einen Zeitbonus wie 2015 durch den Hubschraubereinsatz hatte ich diesmal auch nicht. Um 15:56 traf ich in Châtelard ein, mit nur 4 Minuten Vorsprung zum Zeitlimit. Zum Glück war Robert auch hier vor Ort und zeigte mir den richtigen Weg zum Kontrollpunkt – ein Verlaufen so knapp vorm Cut-Off wäre fatal gewesen.

So hatte ich nun auch wieder etwas Zeit, zu verschnaufen und den kleinen Stein aus meinem Schuh zu entfernen, den ich den ganzen Downhill über unter meinem Fuß gespürt hatte und den ich mangels Zeit ja nicht hatte entfernen können…

Zum Glück hatte mir mein Fuß das aber nicht weiter übelgenommen und so machte ich mich gleich weiter auf den Weg. Im Ort wieder das gleiche Bild wie überall auf der Strecke: um den Ortsbrunnen hatte sich eine ganze Menschentraube aus Läufern versammelt und im Park hatte sich ein Läufer unter einen Baum gelegt…

Les Jeurs – „For a Medal and a Beer“ (17:10)

Eine ganze Stunde hatte ich für den steilen Anstieg zum nächsten VP Les Jeurs gebraucht, und noch warteten einige Höhenmeter auf mich. Immerhin sollte es jetzt bis auf 2.330 m hoch gehen, Les Jeurs lag gerade mal auf 1.530…

Mittlerweile machte sich auch wieder so eine furchtbare Übelkeit in mir breit, die mir den Anstieg schon erschwert hatte und dafür sorgte, dass mir jegliche Nahrungsaufnahme widerstand.

Lediglich ein wenig Cola war noch möglich – nicht gerade ideal, aber besser als nix. Am VP kam ich mit einem israelischen Läufer ins Gespräch, der ganz froh war, endlich wieder jemanden zu treffen, mit dem er sich auf Englisch unterhalten konnte.

Er gab meinem inneren Schweinehund, der mittlerweile etwas lauter geworden war, einen kleinen Tritt in den Hintern und motivierte mich zum Weiterlaufen.  So machten wir uns gemeinsam an den Anstieg. Ich erzählte ihm, dass ich vor 2 Jahren hatte aufgeben müssen, weil es ähnlich heiß war wie heute und ich Probleme mit der Hitze hatte. Er fragte: „Welche Hitze?“ Nun ja, die Hitzeempfindungen können ganz schön auseinandergehen – für jemand aus Israel war es hier sicher nicht besonders heiß… „Diesmal wirst Du es schaffen – for a Medal an a Beer – für eine Medaille und ein Bier – scheiß auf die Zeit…“

For a Medal and a Beer“ – das wurde auch im kommenden Anstieg mein Mantra. Auch wenn ich kein Bier trinke – finishen wollte ich auf jeden Fall!

Meinen Begleiter ließ ich jedoch bald wieder ziehen, denn berghoch war er einfach schneller als ich.

Catogne –Déjà-Vu mit dem Besen (18:25)

In Châtelard war ich durch die Nähe zum Cut-Off eine der letzten gewesen, die noch durchgekommen waren, und so kam es, wie es kommen musste: Die Besenläufer näherten sich! Mal wieder ein Déjà-Vu, beim letzten Mal war es mir genauso gegangen! Die beiden waren zwar sehr nett und sagten auch, ich solle mich durch ihre Begleitung nicht stressen lassen – aber irgendwie laufe ich nicht besonders gerne mit dem Besenwagen…

So gab ich in der folgenden Flachpassage wieder etwas Gas und an der nächsten Quelle war ich sie dann auch wieder los: dort hatten sich 2 Läufer niedergelassen, die sich nun auf ihrem weiteren Weg über Begleitung freuen durften.

Im weiteren Verlauf des Anstiegs war das ein ewiges Bäumchen-wechsle-Dich: Immer mehr Läufer hatten sich am Rand der Strecke niedergelassen und der jeweils Letzte durfte sich dann begleiten lassen.

Tête de l‘Arolette – The Walking Dead (19:25)

Im folgenden Anstieg verabschiedete sich der Akku meiner Garmin und ich startete das Tracking auf meiner zweiten Uhr. Auch mein Akku ging langsam zur Neige: das lange Stapfen berghoch und die Hitze hatten mich sehr viel Kraft gekostet. Noch dazu überkam mich mit jedem Schritt mehr ein Gefühl der Übelkeit, was mich immer öfter stehenbleiben ließ. Aber ich wollte doch weiterkämpfen!

Den anderen Läufern schien es ähnlich zu gehen: an dieser Bergpassage hätte man ohne weiteres einen Zombiefilm drehen können – ich meine damit die Zombiefilme der 70er und 80er Jahre à la „Die Nacht der reitenden Leichen“ u.ä. – jedenfalls war die Gangart der Läufer ähnlich.

Hier kam ich auch mit Jan, einem Holländer, ins Gespräch, der mich auf Deutsch ansprach. Jan wollte auf jeden Fall aufgeben beim nächsten Stopp, ich war noch nicht so ganz davon überzeugt, auch wenn mit der aufkommenden Übelkeit immer mehr und mehr der Gedanke ans Aufgeben in mir hochkam….

Immerhin kam ich nun weiter als beim letzten Mal und ich erreichte mit der Tête de l’Arolette den höchsten Punkt vor dem erneuten Abstieg nach Le Tour, gleichzeitig auch die Grenze zwischen Schweiz und Frankreich.

Col des Posettes – zum Teufel mit der Hetzerei (19:48)

Ab jetzt ging es erstmal nur noch bergab Richtung Col des Posettes, und ich ließ es rollen – auch wenn mir das nun deutlich schwerer fiel.

Die Streckenposten am Kontrollpunkt feuerten mich an und sagten mir, dass ich noch gut in der Zeit läge. Wenn ich jetzt in dem Tempo weitermachen würde, könnte ich den Cut-Off in Le Tour locker schaffen. Nur noch ein kleiner Anstieg und dann 4 km bergab.

Und ja, die Beine wollten noch – aber der Kopf nicht mehr. Die Übelkeit machte mir zu schaffen, der Gedanke, statt um 0:00 oder 1:00 nachts eher um 4:00 als Letzte ins Ziel zu kommen, die unentspannte Hetzerei von Cut-Off zu Cut-Off, die mich nun vielleicht erwartete… Der Gedanke, jetzt noch vielleicht 8 Stunden unterwegs zu sein – ohne etwas essen zu können, denn mir widerstand ja mittlerweile alles… Der kleine folgende Anstieg demotivierte mich nun vollkommen, auch wenn er nicht so besonders anspruchsvoll war – aber die Luft war einfach raus.

Ich ließ mich immer mehr zurückfallen und auch im Downhill verlegte ich mich auf ein langsames Traben statt zu laufen.

Jan, der holländische Läufer von vorhin, hatte mich wieder eingeholt und wir wanderten nun gemeinsam bergab. Ich hatte mich nun mit dem Gedanken angefreundet, lieber gleich nach Hause ins Bett zu kommen statt vom Limit zu Limit zu hetzen. Anders als der französische Läufer, der nun bei uns aufschlug und dem ich riet, sich etwas zu beeilen, wenn er das Zeitlimit noch schaffen wolle: Immerhin war es bereits 20:12 Uhr und in Le Tour war um 20:30 Feierabend. Er bedankte sich und gab nochmal etwas Gas.

Ich entspannte immer mehr, der Gedanke, mich nicht mehr beeilen zu müssen, hatte so etwas ungemein Erleichterndes, Befreiendes. Und ich war ganz froh mit meiner Entscheidung. Diesmal sollte es eben einfach noch nicht sein.

Für Jan war es auch bereits das 2. Mal, er hatte letztes Jahr beim Emosson abbrechen müssen und freute sich, nun immerhin ein Stück weiter gekommen zu sein.

Wir beschlossen, unsere „60 km du Mont-Blanc“ in Le Tour bei einem Bier zu feiern.

Le Tour – entspannt statt auf die harte Tour (20:44)

Um 20:44 erreichten wir Le Tour, außerhalb des Zeitlimits. Ein Streckenposten schnitt ein Stück aus der Startnummer heraus – Cut-Off wortwörtlich genommen.

Robert wunderte sich über meine Gelassenheit, mit der ich das DNF hinnahm – und nicht nur er. Einige andere Läufer, die es auch nicht mehr geschafft hatten, ließen sich von mir anstecken und aus ihrer schlechten Laune herausholen.

Leider hatte die Kneipe in Le Tour bereits geschlossen, so dass aus dem gemeinsamen Bier nun doch nichts mehr wurde….

Statt 60 km hatte ich übrigens bereits 66 km und 5.000 Höhenmeter auf der Uhr, laut Angaben anderer Läufer waren es insgesamt statt 85 km mit 6.100 Hm 91 km mit 6.500 Hm.

Epilog

Hinter meiner Entscheidung stehe ich nach wie vor – auch wenn in der Zwischenzeit ab und an die Frage „was wäre wenn…?“ in mir aufgetaucht ist. Hätte ich es doch versuchen sollen? Noch einmal Gas geben und vielleicht hätte ich es ja geschafft, bis zum nächsten VP wieder etwas herauszulaufen…? Fragen über Fragen. Im Endeffekt ist es doch gar nicht so wichtig – denn was bedeutet ein Finish?

Und vor allem ein Finish um jeden Preis?

Zum Ultra gehört auch dazu, Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren.

Und ich habe meine erkannt und sogar wieder um ein Stück erweitert. (Das auch wieder wortwörtlich: während ich 2015 GENAU auf der Grenze zwischen Schweiz und Frankreich aufgab, lief ich diesmal darüber hinaus

Ich war übrigens nicht allein: Von 1147 Startenden (darunter 113 Frauen) kamen 636 Läufer (63 Frauen) ins Ziel, was einer Finisherquote von knapp über 55% entspricht. 45% DNF – keine gerade geringe Quote. (In Frankreich gibt es im Gegensatz zu Deutschland bloß keine solchen irrsinnigen Diskussionen darüber – jaja, mein Lieblingsthema, ich weiß… 😉 )

Ich habe jedenfalls aus dieser Erfahrung wieder einiges gelernt und auch ohne „A Medal and a Beer“ etwas daraus mitgenommen.

Und ich habe beschlossen: Einen dritten Versuch gönne ich mir noch, vielleicht sogar nächstes Jahr, Losglück vorausgesetzt. Jedenfalls werde ich mich dann weiter vorne aufstellen 😉 Und 2018 wartet auch endlich der CCC auf mich …

Mein Fazit: Einer der schönsten, aber auch einer der schwierigsten Läufe, die ich kenne. Nicht ohne Grund gilt dieser Lauf als der schwerste in Frankreich (und wer französische Trails kennt, weiß, dass das in der Regel nicht gerade einfache Waldläufe sind). Man sollte hier wirklich nur ausreichend trainiert an den Start gehen! Die Cut-Offs sind sehr hart und werden gegen Ende der Strecke sogar immer enger. Die Organisation war wie immer super, Verpflegungsstände und Stimmung an der Strecke top. Vielleicht sollte man nur den Start noch etwas entzerren: Bei über 1.100 Startern sind 2 km einlaufen bis zum ersten Singletrail einfach zu wenig: man sollte vielleicht am Anfang die Schleife um Chamonix etwas größer machen, um solche nervigen und motivationstötenden Staus wie am Brévent zu entschärfen.

GPX gibts diesmal keine, da ich die Strecke auch nicht komplett aufzeichnen konnte und der Veranstalter keine bereitstellt.

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2 Kommentare

  1. Wow, toller Bericht! Mittlerweile sind mir diese sympathischen DNFs viel lieber als „Ich bin mit schwerer Verletzung XX noch ins Ziel gelaufen.“
    Du hast gekämpft und super 66km abgeliefert. Hut ab – und weiter geht’s!

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